Monatsgedanken Dezember 2022

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Sich auf den Weg machen ...
Pfrn. Marianne Hundius
Heute kann ich alles gemütlich vom Sofa aus per Knopfdruck erledigen: Licht anzünden, den Fernseher starten, die Heizung einstellen, eine Pizza bestellen. Ich brauche nicht mehr aufzustehen, um Feuerholz zu holen, zu kochen oder am Fernseher den Einschaltknopf zu betätigen. Genauso habe ich mir als Kind das Schlaraffenland vorgestellt. Himmlisch.

Sogar mit Weihnachten und Advent ist es ein bisschen so. Das Wort «Advent» kommt vom lateinischen Verb «advenire». Übersetzt heisst das: herankommen, ankommen. Es bedeutet, dass etwas auf uns zukommt. Ich kann also ruhig sitzen bleiben. Weihnachten kommt so oder so. Himmlisch.

Ist das so einfach? Einerseits ja. Weihnachten kommt mit jedem Adventstag näher. Die Geburt des Kindes ist nicht aufzuhalten. Gott will sich in diesem Menschen, dessen Geburt wir an Weihnachten feiern, zeigen. Friede auf Erden ist seine Verheissung. Wenn es so einfach wäre mit dem Frieden! Einfach himmlisch, nicht wahr?
Himmlisch? Die Realität holt mich schnell aus den himmlischen Gefilden auf die Erde zurück. Hier lebt es sich nicht in Frieden und nicht im Schlaraffenland.

Diesen besonderen Adventskranz auf dem Bild habe ich in der Gärtnerei Leonotis in Grossaffoltern entdeckt. 1839 hatte der evangelische Theologe Johann Hinrich Wichern die zündende Idee, einen solchen Kranz zu gestalten.
In den damaligen Elendsquartieren Hamburgs begegnete Wichern einer grossen Armut und Verwahrlosung. Um die Not der Kinder zu lindern, gründete er das «Rauhe Haus». Verwahrloste, straffällige, traumatisierte Kinder konnten dort in familienähnlichen Strukturen aufwachsen, geschult und sozialisiert werden.
Um das Dunkel, das diese Kinder mit ins Haus brachten, aufzuhellen und ihnen vom Weihnachtslicht Gottes zu erzählen, befestigte Wichern auf einem Wagenrad 24 Kerzen. Täglich wurde in der Adventszeit eine Kerze mehr angezündet, bis an Heilig Abend alle 24 Kerzen den Raum erhellten.

Die Geschichte des Adventskranzes erzählt von der himmlischen Hoffnung, dass etwas gegen das irdische Elend unternommen werden kann. Wir sind nicht ohnmächtig der Not auf dieser Erde ausgeliefert. Doch geht das nicht auf Knopfdruck. Wir müssen dazu aufstehen, ein Streichholz holen, eine Kerze anzünden, das Licht ins Dunkel tragen. Dabei ist unsere Kreativität gefragt und unsere Umsicht, was Not tut, wo es uns braucht, damit es etwas Weihnachten in und um uns werden kann. Wie damals im «Rauhen Haus» in Hamburg mit dem ersten Adventskranz.

Johann Hirnrich Wichern hat sich auf den Weg gemacht. Er erneuerte eine sich selbst genügende Kirche und belebte diese mit seinem sozialen Engagement neu. Somit wurde er zum Gründer eines elementar wichtigen Wirkungskreises der Kirchen: der Diakonie, dem Dienst am Menschen.
«Nur der kann sich der Not in ihrer ganzen Breite entgegenstellen, der den Mut hat zur ersten kleinen Tat.» / «Was man will, muss man ganz wollen, halb ist es gleich nichts.» Johann Hinrich Wichern

Ich wünsche euch eine gesegnete Adventszeit und Frohe Festtage

Pfarrerin Marianne Hundius