Verantwortlich: Cornelia Rychen
Bereitgestellt: 06.07.2022

Monatsgedanken JULI 2022 «Beheimatet»

Meine Bilder (Foto: pixabay)
Meine Welt verschwindet! So dachte ich neulich am Bahnhof Münchenbuchsee.
Ich suchte beim BLS-Parkplatz vergeblich den Parkautomaten. Wo ich früher für zwei, drei Franken parkieren konnte, muss ich heute eine «App» herunterladen und eine Tageskarte für sieben Franken lösen. Sie sind am längeren Hebel. Will ich dort parkieren, muss ich mich dem neuen System fügen. In letzter Zeit geht es mir öfters so, dass ich mich fühle wie ein Relikt aus alten Zeiten: Vertraute Geschäfte, Zeitungen, bediente Kassen: sie verschwinden. Und bisweilen mit ihnen auch die Werte, für die sie standen. Nicht einmal auf die Jahreszeiten ist mehr Verlass. Verrückte Zeit, in der wir leben!

Sie bietet aber auch viel zu schmunzeln. So habe ich mir angewöhnt, rasch jemanden anzusprechen, wenn ich nicht weiterkomme. Ich habe noch immer Unterstützung gefunden. Nicht selten kommen so amüsante Gespräche zustande. Und es ist ja nicht so, dass nur wir «Älteren» uns nicht zurecht finden … Neulich war ich für eine Weiterbildung in München und wartete in einem Vorort auf den Zug. Da beobachtete ich eine Gruppe von Jungs, vielleicht elf-, zwölfjährig, die versuchten, eine Fahrkarte zu lösen. Sie brachten es nicht zustande. Schliesslich erbarmte sich die Bernerin – ich – und erklärte ihnen, wie das ging. Beeindruckt sahen sie mir zu und bedankten sich dann – ich hätte sie gerettet, meinten sie. Um sich sofort wieder ihrem Smartphone und Tiktok zu widmen, dies nun meinerseits ein Buch mit sieben Siegeln.

Fühle ich mich fremd in der eigenen Stadt, so schenken gerade diese humorvollen Begegnungen unterwegs mir Heimat. Was haben wir schon vor irgendwelchen seltsamen Automaten gelacht! Ich denke da an jenen Mann, der nach einem vergeblichen Versuch, ein Ticket zu lösen, vor den Automaten hinkniete und meinte, dieser wolle offenbar angebetet werden. Schallendes Gelächter ringsum! Und wo ich schon dabei bin: Nie bin ich so oft angelächelt worden wie letzten Winter hinter der Hygienemaske. Zwar konnte ich nur die Augen sehen, aber alle schenkten mir ein Lächeln, vom Morgen bis zum Abend. Was für eine schöne Erfahrung.

Diese Zugewandtheit beheimatet mich, allen Fremdheitserfahrungen zum Trotz. Einen Augenblick lang kann ich in der Freundlichkeit eines Mitmenschen zuhause sein. Das bleibt, auch wenn die Welt sich wandelt, dass einem schwindlig werden kann. Humor ist, wenn man trotzdem lacht. Ich jedenfalls freue mich auf all die lustigen Begegnungen, die mich – so hoffe ich – noch erwarten. Ein gescheiter Denker meinte einmal, der Mensch sei des Menschen Feind. Ich sage: Häufig ist er auch des Menschen Freund. Und daran will ich mich halten.

Ihre Lilian Fankhauser

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