Monatsgedanken Mai 2022 «Scham»

«weeping» (Foto: https://pixabay.com/images/id-41879/)
Kennen Sie Situationen, in denen man vor Scham im Erdboden versinken möchte? Hitze steigt im Körper auf, das Gesicht wird rot und scheinbar alle Augen in der Umgebung sind auf die eigene Peinlichkeit gerichtet. Wie verhält man sich? Scham schliesst aus. Scham kann einer Redewendung zufolge mit dem Wunsch verbunden sein, „in Grund und Boden zu versinken“.
Scham ist ein Gefühl, über das man naturgemäß nicht gern spricht.
Doch sie ist ein ganz menschliches Gefühl. Jeder empfindet sie wohl ein bisschen anders. Das Gefühl der Scham ist mal kurz und mal lang. Flüchtig bis dauerhaft und leicht bis abgrundtief, sogar traumatisch. Doch selbst wenn sie noch so unangenehm ist: Sich zu schämen ist menschlich. Denn das Gefühl der Scham gehört zu Menschen dazu. Scham ist etwas Zerbrechliches, Sensibles und sie beschützt Grenzen. Ähnlich wie die Angst, ist die Scham ein Sensor, der uns vor einer Gefährdung oder einer psychischen Verletzung warnt. Mit ihrer Alarm- und Schutzfunktion macht sie auf zwischenmenschliche oder innere Gefahren aufmerksam. Sie moderiert Gefühle von Nähe und Distanz, grenzt von anderen ab.

In der Bibel gibt es viele Geschichten von Menschen, die sich schämen. Wenn sie mit dem Blick anderer Menschen oder mit Gott konfrontiert werden. Dabei fällt auf: Oft ist das Gefühl der Scham der Schlüssel, um zu verstehen, wie Menschen sich neu orientieren, umkehren, wieder in die Gemeinschaft integriert werden. Wenn mit der Scham richtig umgegangen wird, ist es möglich, dass Menschen sich befreit fühlen und stärker werden. Und dass aus der Scham Gutes erwächst.

Schon die ersten Menschen mussten sich schämen. So erzählt es die Bibel. Nachdem Adam und Eva die Frucht vom Baum der Erkenntnis gegessen hatten, hörten sie, wie Gott durch den Garten Eden ging und sich ihnen näherte. Schnell versteckten sie sich unter den Bäumen. Denn sie hatten bemerkt, dass sie nackt waren. Vorher war ihnen das gar nicht aufgefallen. Aber jetzt, nach ihrem ersten Verstoß gegen ein göttliches Gebot, spürten sie es und schämten sich. Der Sündenfall war also zugleich ein Sturz in die Scham. Und diese Scham wird für Adam und Eva ebenso schmerzlich gewesen sein wie die Vertreibung aus dem Paradies. Von nun an konnten sie nicht mehr in kindlicher Unschuld und Schamlosigkeit leben. Jetzt mussten sie als Erwachsene ihr Leben selbst verantworten. Jedoch machte ihnen
Röcke aus Fell und zog sie ihnen an, damit sie draußen nicht frieren und sich nicht schämen müssten.

Gott schneidert allen Menschen Kleider und zieht sie ihnen selbst an. Welches barmherziges Gottesbild! Gott nimmt sich den Menschen und ihrer Mühe, mit ihrer Bedürftigkeit und Scham an: Schliesslich betont die Erzählung von Adam und Eva die Überzeugung, dass der Mensch darauf vertrauen darf, von Gott immer schon angenommen zu sein:


Noch bevor wir Dich suchen, Gott,
warst Du bei uns.
Wenn wir Dich als Vater anrufen,
hast Du uns längst schon wie eine Mutter geliebt.
Wenn wir «Herr» zu Dir sagen,
gibst Du Dich als Bruder zu erkennen.
Wenn wir Deine Brüderlichkeit preisen,
kommst Du uns schwesterlich entgegen.
Immer bist Du es,
der uns zuerst geliebt hat.
Darum sind wir jetzt hier,
nicht weil wir besonders gut und fromm wären,
sondern weil Du Gott bist
und weil es gut ist, Dir nahe zu sein.
 
Kurt Marti

Pfarrerin Magdalena Daum

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