Monatsgedanken April 2022

Meine Bilder
Neues in unruhiger Zeit
Frühlingsputz. Beim Aufräumen auf dem Estrich stosse ich auf Bilder, die früher einmal unser Wohnzimmer zierten. Wobei ich mich frage, ob sie wirklich eine Zierde waren, denn heute würde ich sie nicht mehr aufhängen. Ebenso wenig die Vorhänge, die ich in einer Kiste finde. Verwundert halte ich den dunklen Stoff vor mich hin – das hat mir einmal gefallen? Ja, hat es. Aber ich habe mich offenbar geändert.

Für mich ist das eine gute Nachricht. Ich befinde mich in der statistischen Lebensmitte, und da stellen sich gewisse Fragen. Zum Beispiel, ob ich mich in wichtigen Punkten noch ändern kann. Ich habe gelesen, dass sich der Mensch ab fünfzig nur noch durch Schicksalsschläge ändere. Da habe ich zwar noch ein paar Jahre, fürchte aber, dass an dieser Aussage etwas dran sein könnte.

Das Klima hingegen, das ändert sich vor unseren Augen, nur leider nicht zum Guten. Auch da stellen sich Fragen: Schaffen wir es, da das Ruder noch herumzureissen? Und wie ist es mit siebzigjährigen Tyrannen? Können die sich noch ändern?

«Seht, ich schaffe Neues, schon spriesst es!», verkündete Jesaja im 6. Jahrhundert vor Christus den Kriegsgefangenen in Babylonien. «Erkennt ihr es nicht? Ja, durch die Wüste lege ich einen Weg und Flüsse durch die Einöde.» Jesaja 43,19.

Neues, Gutes, das spriesst - das tönte damals zeitweise genauso utopisch wie heute. Trotzdem will ich mich an dieser Verheissung festhalten. Ich will an die verändernde Kraft des Guten glauben, die einen Weg durch die Einöde der Angst legt. Ich will es suchen, das Hoffnungsvolle, das durch die Wüste der Zerstörung fliesst: Das Grosszügige und Freundliche, das Friedliebende und Einladende, das, was uns hilft, zu vergeben und anderen Raum zu gönnen.

Wir leben in einer unruhigen Zeit. Hinter Alltäglichem wie dem Frühlingsputz auf dem Estrich warten die grossen Fragen. Und von dort ist es nicht weit bis zum Gebet. Bei mir jedenfalls ist es so: sobald ich zu fragen anfange, komme ich ums Beten nicht herum. Deshalb:

Hilf, Gott, hilf uns, das Hoffnungsvolle zu sehen.
Hilf uns, es zu schützen, zu hegen, zu nähren.
Hauch uns an mit deinem Leben schaffenden Atem!
Lass wachsen das Neue im Kreml, im Weissen Haus, in Peking wie auch in uns.
Schenk Ostern unseren Karfreitagen nah und fern
und hilf uns zu helfen.
Kyrie eleison.
Amen


Ihre Lilian Fankhauser

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