Monatsgedanken Februar 2022 «Drachenzähmen»

Martha,_die_Drachenzahmerin.Martha-Alta r, (Foto: _Nürnberg.www.nuernberg.mueseum.ch)
Panzer, Grossmachtsphantasien, Diplomatie am Anschlag. Ich weiss nicht, wie es Ihnen geht, aber mich beunruhigt die Schamlosigkeit der Kriegstreibenden an den Grenzen der Ukraine.
Lilian Fankhauser
Mit ungutem Gefühl erinnern sie mich an den Vorabend des zweiten Irakkrieges. Zwei Bilder in Grossformat prangten damals auf den Titelseiten der Zeitungen: Auf dem einen Saddam Hussein kniend auf einem Gebetsteppich, auf dem anderen George W. Bush mit gefalteten Händen. Beide beteten sie für den Sieg. Ich hoffe, die heutigen Akteure auf der Weltbühne finden einen friedlicheren Weg, diesen Konflikt auszutragen, als die beiden damals.

Was wohl herausgekommen wäre, wenn die beiden Machthaber damals um Frieden und nicht um Sieg gebetet hätten? Denn Sieg und Frieden sind nicht dasselbe. Sieg gebiert Unterlegene und Unterlegene suchen Rache. Da lobe ich mir Martha, die Drachenzähmerin. Kennen Sie sie?

Aus der Alten Kirche stammen die Legenden von zwei Heiligen, die gegen einen Drachen antreten: Georg, der Drachentöter, und Martha, die Drachenzähmerin. Beide stehen vor der Aufgabe, eine Stadt, beziehungsweise ein Dorf, vor einem Drachen zu beschützen. Beiden gelingt dies, jedoch auf unterschiedliche Weise. Während Georg seinen Drachen tötet, zähmt Martha ihren mit Gesang.

Ich weiss. So einfach ist das mit dem Zähmen nicht immer. Was, wenn der Drache sein Unwesen treibt – ja: vielleicht sogar Gräueltaten vollbringt! – und alles Singen nichts nützt? Im Nazideutschland wurden selbst überzeugte Pazifisten zu Attentätern Hitlers. Und in meinen Konflikten verspüre auch ich recht schnell einmal den Wunsch, dass meinen Drachen der Garaus gemacht würde ...

Trotzdem will ich mir die Heilige Martha von Bethanien zum Vorbild nehmen. Drachenzähmen mag vordergründig der schwierigere Weg sein. Langfristig ist es der friedvollere. Der Wunsch, den Drachen zu töten, kommt mit zunehmender Konflikteskalation von selber. In den Gesichtern unserer Gegenüber im Streit nicht das Böse, sondern das Menschliche zu sehen, das ist die Kunst. Ich glaube, dafür zu beten ergibt Sinn.

Ihre Lilian Fankhauser

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