Monatsgedanken November: Vom Sinn der Traurigkeit

Die dunkle Zeit des Novembers ist für viele Menschen schwer erträglich. Traurigkeit macht sich breit. Ein Grund für mich, über die Traurigkeit nachzudenken.
Marianne Hundius,
Traurigkeit legt sich über mich wie der Nebel über das Land. Ich bin unterwegs im dichten Nebel. Der Blick ist begrenzt, Bäume und Tannen erscheinen als unscharfe, dunkle Konturen im Grau des Tages. Die Feuchtigkeit legt sich auf die Haare und die Kleider, dringt in die Schuhe und in die Seele ein. Ich ertrage sie kaum, diese Wanderung durch den Nebel. Wie ebendiese dunklen Konturen tauchen Erinnerungen auf. Schmerzhaftes aus der Vergangenheit. Tränen hängen an meinen Wimpern – ähnlich den Tropfen an den Grashalmen, welche aus dem Nebel kondensieren. Wunderschön sind sie anzusehen, diese kristallklaren Tautropfen. Gottes Schöpfung ist auch in der Traurigkeit des Nebels wunderschön. Schritt für Schritt gehe ich durch diesen Nebel der Traurigkeit.

Ist Traurigkeit eine Krankheit, die behandelt werden muss? Oder hat Traurigkeit eine Daseinsberechtigung wie die Freude auch? Unsere Gesellschaft erwartet glückliche und fröhliche Menschen. Traurige, introvertierte Menschen stören. Sie sind unproduktiv und deshalb nutzlos. Die Traurigkeit hat keinen Platz in unserer Welt. Deshalb wird sie schnell als depressive Verstimmung abgetan, die nach Therapien ruft. Doch Traurigkeit ist nicht das Gleiche wie eine Depression. Traurigkeit hat, wie die Freude, einen Sinn in unserem Leben. Sie führt uns in die Tiefen unserer Seele. Sie ist ein besonderes Tor zu unserem Selbst und zu Gott.

Der Apostel Paulus schreibt im zweiten Korintherbrief, dass die Traurigkeit eine Veränderung auslöst, die zur Umkehr führt. (2. Korintherbrief 7, 10). Sie ist eine Notwendigkeit, damit sich in uns etwas verändern und entwickeln kann. Sie stellt dir die Fragen: Was beschäftigt dich in den Tiefen deiner Seele? Was hast du noch nicht bearbeitet? Was trägst du alles mit dir herum? Welche Sehnsüchte hast du? Wo suchst du nach innerem Frieden, Ruhe und Glück?

Die Traurigkeit und die Trauer sind Geschwister. Die Traurigkeit erzählt dir von deinen Enttäuschungen und deinen Verletzungen. Die Trauer führt dich schliesslich durch den Schmerz hindurch. Dieser Weg durch den Schmerz ist ein Weg des Loslassens, des Vergebens und des Einverstandenseins, mit all dem, was war und ist.
Paulus schreibt weiter von einer gottgewollten und einer weltlichen Traurigkeit. Die weltliche Traurigkeit führt zum Tod, sagt er, die gottgewollte zu Veränderung und neuem Leben. Weltliche Traurigkeit könnte als Selbstmitleid gedeutet werden. Selbstmitleid, das um Aufmerksamkeit heischt und die Mitmenschen belastet. Gottgewollte Traurigkeit jedoch löst Einkehr, Umkehr, Veränderungen und Entwicklungen aus, die dir und deinen Mitmenschen Freiheit schenkt. In diesem Sinn hat Traurigkeit ihre Berechtigung – so schwer sie zu ertragen ist.

Gott behüte dich in deiner Traurigkeit
Pfarrerin Marianne Hundius
Bereitgestellt: 01.11.2021     Besuche: 100 Monat
 
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