Monatsgedanken Oktober: Unsere Sehnsucht nach Freiheit

Oktober (Foto: AIH)

Mich beschäftigt momentan sehr, was wir unter Freiheit verstehen. Steht die persönliche Freiheit über allem? Hat die heiss umstrittene Impffrage überhaupt etwas mit dieser Freiheit zu tun?
Ich bin ein freiheitsliebender Mensch. Ich brauche Freiräume um zu denken, zu schreiben, zu predigen. Reglementierungen und Vorschriften engen mich ein. Und gleichzeitig betrachte ich mich als sehr angepasst. Ich kleide mich angepasst und lebe wie ein typischer Norm-Schweizerbürger. Beides geht wie selbstverständlich Hand in Hand.
Wonach sehnen wir uns eigentlich, wenn wir uns nach Freiheit sehnen? Heisst frei sein, tun und lassen können, was man als Individuum will, ohne Rücksicht auf die Gesellschaft?
Meine grösste Freiheitserfahrung mache ich immer wieder in einem sehr klar vorgegebenen Rahmen. Im QiGong, einer klar strukturierten Bewegungsvorgabe, bei der es darum geht, sich immer mehr einer bestimmten Form anzunähern, erlebe ich eine unermessliche innere Freiheit. Die klar strukturierte Bewegung schenkt mir ein Freiheitsgefühl, das mich erfüllt und bereichert. Ähnliche Freiheitserlebnisse habe ich draussen in der Natur. Auch die Natur gibt ganz klare Vorgaben wie zum Beispiel Wetterverhältnisse und Naturgegebenheiten, die sich als Hindernisse in den Weg stellen. Die Kälte zwingt mich eine Jacke anzuziehen, und der ausgesetzte Weg fordert meine volle Konzentration. Und trotzdem fühle ich mich mit diesen einschränkenden Rahmenbedingungen keineswegs eingeengt, sondern frei. Wie ist das möglich?

Das persönliche Freiheitsgefühl kann sich erst an vorgegebenen Rahmenbedingungen entwickeln und daran wachsen.

Freiheit hängt vom Denken und Folgern ab, so haben es die Kirchenväter, beeinflusst von der griechischen Philosophie, im Altertum gesehen. Wir können unterscheiden zwischen dem, was in unserer Macht steht, und dem, was nicht in unserer Macht steht. Die Pandemie steht nicht in unserer Macht, wie auch Wetterbedingungen nicht in unserer Macht stehen. Eine Impfung steht in unserer Macht, wie ein Regenschirm bei schlechtem Wetter uns zur Verfügung steht. Wir können nur das ergreifen, was in unserer Macht steht. Das andere müssen wir loslassen. Dann werden wir wahrhaftig frei. Alles, was auf uns zukommt, sollen wir mit der Frage prüfen: Was hat das mit mir zu tun? Dann werden wir erkennen, dass uns nicht die Ereignisse als solche verwirren, sondern nur unsere Vorstellungen, die wir uns von ihnen machen. Wir werden frei von Illusionen und entdecken in uns jenen inneren Raum der Freiheit, in dem Gott ist. Die Kirchenväter haben diese Botschaft mit dem Jesu-Wort in Verbindung gebracht: Das Reich Gottes ist in euch. Dort, wo wir den heiligen Raum Gottes in uns entdecken, werden wir wahrhaftig frei. Diese Freiheit gilt es zu entdecken. Sie hat wenig mit den Freiheiten einiger Schweizerbürger*innen zu tun, die momentan – teils sogar mit Gewalt – eingefordert werden. Folgendes Gedicht eines Theologen und Philosophen des 20. Jahrhunderts bringt unsere Verhaltensmöglichkeiten auf den Punkt.

Gott, gib mir die Gelassenheit,
Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann,
den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann,
und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.
Einen Tag nach dem anderen zu leben,
einen Moment nach dem anderen zu geniessen.
Entbehrungen als einen Weg zum Frieden zu akzeptieren.
Reinhold Niebuhr, 1913 - 1971
Bereitgestellt: 30.09.2021     Besuche: 3 heute, 107 Monat
 
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