Monatsgedanken September 2021: Ehe für alle – eine persönliche Auslegeordnung

Nein, die Kirchen müssen nicht überall ihren Senf dazu geben. Aber bei der Frage der Ehe für alle geht es – nicht nur, aber auch – um die Bewertung geschlechtlicher Orientierung und für diese wird nicht selten die Bibel herbeigezogen. Deshalb möchte ich Ihnen erzählen, welchen Werdegang ich in dieser Frage gemacht habe.
Homosexualität begegnete ich als Teenager als erstes in den Schimpfwörtern auf dem Pausenplatz: «Schwüpple», «Homo» und «schwul». Zwei Jungs, etwas älter als ich, entsprachen nicht den gängigen Geschlechtertypen. Der eine sprach relativ selbstbewusst über seine geschlechtliche Orientierung. Der andere versuchte tunlichst, nicht aufzufallen. Das erste Mädchen in meinem Umfeld, das offen zu ihrem Lesbischsein stand, war die Schwester einer Kollegin. Ich selber bewegte mich als Teenager in evangelikalen Kreisen, wo Homosexualität, zumindest damals, als Sünde bewertet wurde. Denn an den wenigen Stellen, wo in der Bibel über männliche Homosexualität gesprochen wird, wird diese klar verurteilt (z.B. Röm 1). Das vertrat ich, unhinterfragt, auch gegen aussen.
Später begann ich, biblische Texte auch als Zeugen ihrer Zeit zu lesen. Die Ablehnung von Homosexualität gehörte zum patriarchalen Weltbild des Alten Orients. Die Verfasser von Levitikus 20, die Homosexualität verurteilten, waren davon geprägt. Und wenn sie schreiben, dass Mann und Frau sterben sollen, wenn sie während ihrer Monatsregel miteinander schlafen, dann ist das einem antiken Verständnis von Blut geschuldet, das wir heute so nicht mehr teilen.
Nicht alle biblischen Aussagen sind gleich gewichtig, manchen ist auch zu widersprechen – gerade wegen der Treue zur Bibel. Ich verstehe, dass klare Regeln überlebenswichtig waren in einer Welt, in der Hirt*innen im Verbund einer Grossfamilie auf kleinem Raum zusammenlebten. Als Vertreter seiner Zeit sehe ich es Paulus auch nach, dass er von Frauen verlangte zu schweigen und ihr Haar hochzubinden. So gehörte es sich zu seiner Zeit. Heute wissen wir: Frauenrecht ist Menschenrecht.
Daneben ist Homosexualität in der Bibel ein Randthema, über weibliche Homosexualität wird gar nicht gesprochen und aus den Schöpfungsdichtungen am Anfang der Bibel lässt sich kein Verbot von Homosexualität konstruieren. Eheformen gibt es viele verschiedene: die Einehe zwischen Mann und Frau, auch mit Nebenfrauen; die Mehrehe mit zwei oder noch mehr Frauen und die sogenannte Leviratsehe, bei der ein Mann die kinderlose Witwe seines Bruders heiratet. Jesus lehnte die Ehescheidung zum Schutz der Frau ab, war aber selber nicht verheiratet und zeichnete sich auch nicht durch besonders familienfreundliche Voten aus. Familie war ihm, wer den Willen Gottes tue (Mk 3,35). Der Verfasser des Epheserbriefes mahnte Eheleute, sich die Liebe von Christus als Vorbild zu nehmen.

Und damit bin ich bei dem angelangt, was die Bibel im Kern über Liebesbeziehungen aussagt: Dass wir einander mit Gottes Augen betrachten und zuerst das Wohl des Gegenübers suchen sollen.

Das der biblische Befund. Diesen zu gewichten ist Angelegenheit jeder und jedes einzelnen. Ich selber sage heute: Eine Liebesbeziehung auf Augenhöhe, gleich welcher geschlechtlichen Orientierung, ist eine Spielart der Schöpfung. Meine Grenze der Akzeptanz sexueller Beziehungen – und übrigens auch die Grenze unseres Strafrechtes – liegt dort, wo ein Machtgefälle herrscht und Mensch oder Tier ausgenutzt werden. Daneben gilt für mich für gleichgeschlechtliche Paare wie auch für jede andere Beziehung auf Augenhöhe: «Das ist mein Gebot: Dass ihr einander liebt, wie ich euch geliebt habe.» (Jesus, Joh 15,12). Homosexuellenrechte sind Menschenrecht.

Deshalb bin ich für gleiche Rechte und Pflichten für homosexuelle wie heterosexuelle Paare. Das betrifft auch das Adoptionsrecht und den Zugang zur Samenspende. Wenn Kinder gleichgeschlechtlicher Paare leiden, dann unter Vorurteilen von aussen. Sie selber brauchen vor allem vertrauenswürdige und liebevolle Bezugspersonen, und das können homosexuelle Eltern genauso sein wie heterosexuelle.
Ich werde «Ja« stimmen. Und sobald ich darf, werde ich mit Freude homosexuelle Paare trauen.

Ihre Lilian Fankhauser

«Ehe für alle ...» zum Anhören:
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