Monatsgedanken Juli 2021 – «Von Splittern und Balken»

: Monatsgedanken Juli 2021

Göttin Gott scheint Humor zu haben. Ich zum Glück auch. So gibt es immer wieder etwas zu lachen.
Lilian Fankhauser,
Neulich liess ich mich in einer trauten Runde darüber aus, wie wenig Verständnis ich für Leute hätte, die ihr Stimmrecht nicht nutzten. Nicht ahnend, dass gerade eine Frau neben mir sass, die ihr Abstimmungscouvert jeweils ihrem Partner zum Ausfüllen gab. Meine Kritik wäre sonst etwas zurückhaltender ausgefallen ... Ich bin da relativ ungnädig. Wer das Stimmrecht nicht nutzt, soll sich auch nicht über Politik beschweren.

Am Abend vor dem Abstimmungssonntag im Juni dann fand ich in der Küche das jungfräuliche Abstimmungsmaterial meines Mannes. Ts, ts, ts, dachte ich. Unterbrach ungerührt die Übertragung des Fussballmatchs und hielt sie ihm unter die Nase. Einen weiteren säumigen Sünder gerettet! Nur: Am Montag nach dem Abstimmungssonntag fand auch mein Mann in der Küche ein Couvert – das mit meinem Stimmmaterial. Fertig ausgefüllt hatte es da seit Wochen darauf gewartet, zusammen mit dem meines Mannes zur Gemeindeverwaltung gebracht zu werden. Was ich leider in der Zwischenzeit bereits wieder vergessen hatte. Verdutzt betrachtete ich das Papier in seiner Hand, bis das Zwänzgi fiel und wir lachten, bis uns die Bäuche weh taten.

So geht es denen, die den Splitter im Auge der anderen sehen, den Balken im eigenen jedoch nicht. Gar nicht zu reden von den Malen, an denen ich mein Stimmmaterial unfrankiert in den Briefkasten der Post anstatt in jenen der Gemeinde einwarf. Was standen die beiden auch so eng nebeneinander! Seit die Postagentur zur Bäckerei gewandert ist, kann das zum Glück nicht mehr passieren ...

Ich denke an eine Stelle in einem Reisebericht von Navid Kermani. In Bergkarabach passierte er die Grenze zwischen Aserbaidschan und Armenien. Kurz zuvor hatte es einen Schusswechsel gegeben. In Aserbaidschan erzählte man ihm, sie hätten das Feuer nur erwidert, die anderen hätten es eröffnet. In Armenien war es dann gerade andersrum. Das war vor sechs Jahren. Letztes Jahr gab es dort wieder Krieg. Wir zeigen so gerne mit dem Finger auf andere, dass es irgendwo in unseren Chromosomen ein «Die-anderen-sind-schuld-Gen» geben muss. Ich vermute schwer, dass es Gott da zuweilen nicht mehr nur zu lachen, sondern auch zu weinen zumute sein muss. In der Küche aber wird auch Gott geschmunzelt haben. Als ich das Stimmcouvert später zum Altpapier legte, nahm ich mir vor, die Woche etwas selbstkritischer und bescheidener anzugehen. Jedenfalls bis zum nächsten Tag. Oder zumindest bis zum Mittagessen ...

Einen wenn nicht Splitter und Balken freien, so doch humorvollen Juli wünscht Ihnen

Ihre Lilian Fankhauser

«Von Splittern und Balken» zum Anhören
Bereitgestellt: 01.07.2021     Besuche: 77 Monat
 
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