Monatsgedanken MAI – Zweifel und Liebe

Monatsgedanken <span class="fotografFotoText">(Foto:&nbsp;Pixabay)</span><div class='url' style='display:none;'>/</div><div class='dom' style='display:none;'>kirchenregion-aarberg.ch/</div><div class='aid' style='display:none;'>1256</div><div class='bid' style='display:none;'>16125</div><div class='usr' style='display:none;'>374</div>

«Mir sinis überhoupt nid einig. Sobald mir über Corona aföh rede, gits grad es Gstürm...»
Lilian Fankhauser
Kommt Ihnen das bekannt vor? Mir schon. Die Frau, die mir das erzählte, ist nicht allein mit dieser Erfahrung. Covid 19 stellt Freundschaften und Familien zum Teil arg auf die Probe, auch jetzt noch, wo uns etwas unbeschwertere Zeiten in Aussicht stehen. Wo eine sich ungerecht behandelt fühlt, einer sein Recht beschnitten sieht, kommt Emotion ins Spiel. Wo Emotion ins Spiel kommt, da geht es nicht zuerst darum zu verstehen, da will man selber verstanden werden. Und je weniger das eigene Anliegen Gehör findet, desto lauter wird es vertreten. Manchmal komme ich mir vor wie in einer schlechten Arena-Sendung, wo Gespräche keine Begegnungen sind, sondern zu einem Ringkampf verkommen. Dabei ist das Thema derart komplex, dass es «die eine gute Lösung» so wohl gar nicht gibt ...

Keine Angst, ich schreibe diese Zeilen hier nicht, um Sie mit einer weiteren überflüssigen Meinung zu Corona zu behelligen. Nein, ich bin auf einen Text von Jehuda Amichai gestossen, den ich Ihnen in diesem Zusammenhang mitgeben möchte. Mich berührt er – Sie ja vielleicht auch:


Der Ort an dem wir recht haben

An dem Ort, an dem wir recht haben,
werden niemals Blumen wachsen
im Frühjahr.

Der Ort, an dem wir recht haben,
ist zertrampelt und hart
wie ein Hof.

Zweifel und Liebe aber
lockern die Welt auf
wie ein Maulwurf, wie ein Pflug.
Und ein Flüstern wird hörbar
an dem Ort, wo das Haus stand,
das zerstört wurde.


Jehuda Amichai (1924 – 2000) war ein israelischer Dichter, der sich für Frieden und Verständigung im Nahen Osten engagierte. Er wusste, wovon er sprach. Er kannte Boden, der vom Rechthaben hart und zertrampelt war. Wenn er schreibt, dass Zweifel und Liebe es sind, die den Boden auflockern, mag das für rationale Ohren schwülstig klingen. Wahr ist es trotzdem.

Ich wünsche Ihnen und mir für unsere Auseinandersetzungen deshalb Zweifel: die Ahnung, dass auch andere einen Teil der Wahrheit sehen könnten. Und ich wünsche uns Liebe: wohlwollende Augen für unser Gegenüber und die Fähigkeit, nicht nur unser, sondern auch sein Bestes zu wollen.

Mögen Ihre und meine Konflikte nicht nur mühsam und Kräfte raubend sein,
sondern uns auch weiterbringen.


Einen guten Mai wünscht Ihnen
Ihre Lilian Fankhauser

lilian.fankhauser@kirche-rapperswil-be.ch

«Zweifel und Liebe» zum Anhören
Bereitgestellt: 01.05.2021     Besuche: 3 heute, 70 Monat
 
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