Monatsgedanken Januar 2021

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Luft nach oben
Pfarrerin Lilian Fankhauser
Ruhig sind sie, diese Tage bei Fankhausers. Die Kinder spielen von morgens bis abends, mein Mann und ich pendeln zwischen Büro und Küche. Jeden Tag etwas frische Luft und, ebenso häppchenweise, ein Spaziergang mit einer Gotte oder ein Besuch vom Grosi. Das Beste daraus machen, war mein Motto für die Festtage. Und tatsächlich – ich werde mich gerne an diese Tage erinnern. Zwar war es seit über zehn Jahren der erste Heiligabend ohne Heiligabendtisch und die erste Weihnacht meines Lebens ohne meine Geschwister und deren Familie. Es war anders und in diese Andersartigkeit wob sich etwas Wehmut. Aber es war auch gut. Besonders genos-sen habe ich dieses Jahr die Weihnachtsfigurendarstellung und die Gottesdienste in der Kirche. Die Schönheit der Figurenbilder, die wärmende Geborgenheit des Kirchenraumes und die wunderbaren Weihnachtsklänge der Musizierenden nährten meine Seele. Was für ein Geschenk, mitten im Dorf einen Raum zu haben, in dem die Hoffnung wohnen darf. Und diese Kraft lebt und wirkt auch dann, wenn wir weit auseinander sitzen und die Lieder nur summen dürfen. Sehen, was möglich ist, nicht klammern an das, was nicht sein kann.

Der Jahreswechsel steht vor der Tür. Bereits sind erste Silvesterraketen zu hören, Klänge vertrauter Normalität. Ebenfalls wie jedes Jahr begleitet mich der Vers der Jahreslosung ins 2021. Ursprünglich wurde der Jahresbibelvers ausgelost, daher der Name. Heute wird er von einer Gruppe deutscher Frauen und Männer aus verschiedenen Kirchen ausgewählt. Die Gruppe kleinepropheten.de hat Karten dazu gestaltet. Unaufgeregt und leise wie die Tage meiner Altjahreswoche liegt eine davon auf meinem Schreibtisch. Seid barmherzig, wie Gott – euch Vater und Mutter im Himmel – barmherzig ist.

Es ist ein Vers aus der sogenannten Feldrede im Lukasevangelium. Die Feldrede ist das Pendent zur Bergpredigt im Matthäusevangelium, nur etwas kürzer und Reichtums kritischer. Im Zentrum der Feldrede steht die Feindesliebe. Mit ihr weitet Jesus das Liebesgebot der Tora auf alle Menschen aus, die uns begegnen, auch auf alle diejenigen, die nicht zu unseren Freund*innen zählen. Auch mit ihnen sollen wir umgehen, wie wir möchten, dass sie mit uns umgehen. Auch mit ihnen sollen wir barmherzig sein. Etwas weiter im Text unterstreicht Lukas die Wichtigkeit dieser Aufforderung mit dem jesuanischen Satz: Was nennt ihr mich Herr, Herr! und tut nicht, was ich sage?

Es gibt Bibelverse, die sind schwer zu verstehen. Die Jahreslosung gehört nicht dazu. Das Wort «Barmherzig» ist eine althochdeutsche Wortschöpfung für das lateinische «Misericors» aus der Kirchensprache und bedeutet soviel wie «Ein Herz für Bedürftige haben». Wir sollen also ein Herz für Bedürftige haben, wie auch Gott ein Herz für unsere Bedürftigkeit hat. Das ist nicht weiter kompliziert.

Diesen Satz umzusetzen, das ist die Schwierigkeit. So unaufgeregt, wie er tönt, so unerhört ist er. Am leichtesten fällt es mir in den Ferien, spontan und offen auf andere einzugehen, sie in ihrer Stärke und ihrer Bedürftigkeit wahrzunehmen und in beidem Schönheit zu sehen. Aber im Alltag sieht es anders aus. Ziele, Termine, Verpflichtungen ... Schon nur die Kinder am Morgen angezogen, verpflegt und mit geputzten Zähnen rechtzeitig zur Schule zu schicken: Da «verleidet» es keine Störung! Meine Erfahrung ist, dass ich hartherziger werde, je grösser der Druck ist, unter dem ich stehe. So entzückt ich zu Beginn über die neue Jahreslosung war, so nachdenklich werde ich. Nicht selten stören Bedürfnisse von anderen meine Pläne und meine eigene Bedürftigkeit ist noch schwerer auszuhalten für mich. So sieht es aus. Ich begreife jedenfalls von Jahr zu Jahr besser, was Frère Roger, der langjährige Prior von Taizé, meinte, als er in seinem Tagebuch – sinngemäss – notierte: «Jeden Tag wieder lernen, mich stören zu lassen...». Ich fühle mit und denke: Genauso ist es.

Da ist noch viel Luft nach oben, was meine Barmherzigkeit angeht. Seit Jahrtausenden wurden Menschen von diesem Vers inspiriert. Spitäler und Waisenhäuser wurden gebaut, Suppenküchen ins Leben gerufen. Das muss es ja nicht gerade sein, denke ich. Aber so ein bisschen mehr Fehlerfreundlichkeit meinerseits und Verständnis meiner und anderer Bedürftigkeit gegenüber, das wäre nicht schlecht. Das Jahr ist ja noch lang – weglegen werde ich die Karte zur Jahreslosung jedenfalls noch eine Weile nicht. Und sonst ist da ja immer noch dieser grosse Raum mit der Kirchturmspitze, in dem die Hoffnung wohnt und der mich an die Kraft erinnert, die Unmögliches möglich machen kann.

Sie sehen – Ruhe ist immer relativ. Da hat der Vers zur Jahreswende doch einiges in Bewegung gebracht. Vielleicht auch bei Ihnen ...?

Ihre Lilian Fankhauser
Bereitgestellt: 02.01.2021     Besuche: 3 heute, 105 Monat
 
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